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Wurzeln und Flügel

« Und du, von wem bist du? »

Diese verblüffende Frage hat ihre Wirkung auf den Besucher, der im Wallis gerade erst angekommen ist, noch nie verfehlt. Was für ein seltsames Land! Was für eine merkwürdige Begrüssung zwischen unangemessener Direktheit und kaum verhohlenem Spott! Als ginge es darum, den Fremden erst zu ergründen, zu überprüfen, zu erforschen... Gemach: Der Einheimische will hier eben gleich wissen, mit wem er es zu tun hat. Um sofort ein für alle Mal eins klarzustellen: Walliser ist er, und stolz darauf! So, und nun hat er alles gesagt.

Oder fast. Abgeschottet von seinen Bergen, ist der Walliser manchmal auf sich selbst gestellt. Da kann es schon vorkommen, dass seine kantonale Identität das nationale Zugehörigkeitsgefühl zu überdecken vermag. Stolz darauf, ein Walliser zu sein – Punkt, fertig, Schluss. Ein zuweilen sicher berechtigter Stolz, den man gern bei einem Glas Wein mit seinesgleichen teilt. Mein Land, meine Scholle, meine Berge: Der Walliser legt auf seine Wurzeln so viel Wert wie ein junger Priesterseminarist auf sein Messbuch. Vielleicht ein wenig kurz gegriffen?

Aus diesem Grund ist das Werk « Wallis, Leib & Seele » ein ehrgeiziges. Es hält Ihnen eine Fotografie der Walliser Seele vor Augen. Die Liebhaber starker Bilder werden auf ihre Kosten kommen. Nur... Zweifel regen sich: Kann man die Seele eines Landes auf eine einzige Postkarte bannen? Die Seele des Wallis muss nach meinem Gespür eine komplexe, eine vielschichtige sein. Allein schon wegen der Zweisprachigkeit. Und selbst wenn sie aus einem Guss bestünde, diese viel besungene Walliser Seele, so liesse sie sich doch niemals in ein Korsett voller Klischees zwängen, das ihr bis in alle Zeiten anhaften würde. Wie eine gelungene Fotoaufnahme, die den Betrachter mit ihren Fluchtlinien, Schattenzonen und Unschärfen immer auch ein wenig im Ungewissen lässt und ihn zu eigenen Gedanken und Interpretationen anregt, so lässt sich auch ein so kontrastreiches und in mancher Hinsicht so rätselhaftes Land wie das Wallis niemals auf den ersten Blick zugänglich machen. Und das ist gut so.

Misstrauen wir dem Schein. In einer Mediendemokratie wie der unseren kein leichtes Unterfangen. Da sind die wendigen Wortführer, der Stolz und die Freude einer jeden Redaktion, vor allem jener ausserhalb des Kantons. Sie, diese Tausendsassas, diese Worttroubadoure sind es, die das Spektakel garantieren. Wenn es diese Unruhestifter nicht gäbe, müsste man sie zweifellos erfinden. Schliesslich bringen sie etwas Abwechslung in unseren Alltag. Und haben wir nicht das Recht, ob all dem eisgefrorenen Wasser, das sich in gewaltigen Zungen über unsere Berge legt, und ob all den schwefelhaltigen Quellen, die unsere Thermalzentren speisen, seichte Gewässer zu vermeiden? Aber die naturgemäss zum Erlöschen verdammten Sternschnuppen unserer Medienlandschaft verwischen manchmal die Spuren und halten uns vom Wesentlichen ab.

Alles, was exzessiv ist, ist bedeutungslos – man kennt die Rede. Tatsache ist, dass die Komplexität der Walliser Identität durch die Karikatur nicht durchschaubarer wird. Man richte den Scheinwerfer lieber auf den Universitätsprofessor, den Hüttenwart, den Gletscherpiloten, die Dorfapothekerin, den Bergbauern, die Kulturanimatorin oder jene Politiker, die ihre Dossiers lieber in aller Stille durcharbeiten, als sich im Blitzlicht der Fotografen zu sonnen... Zahlreich die Persönlichkeiten, die dem Patchwork der Walliser Realität Konturen und Anima verleihen!

Nehmen wir ein wenig Abstand. Seit einem Jahrhundert hat die Geschichte dieses Stück Land in einer Geschwindigkeit vorangetrieben, die sich zuweilen nur noch mit Mühe messen lässt. Man denke allein schon an den Bau der grossen Staudämme, die bekanntlich die Seitentäler in die Modernität katapultiert haben. Die schwindende Bedeutung der Religion und die Errichtung der Autobahn tragen das Ihre dazu bei. In den letzten hunderten Jahren ist viel Wasser die Rhone hinuntergeflossen. Der Bergkanton ist urbaner, kühner geworden, als es scheinen mag. In der Tat gibt es eine wahrhafte Kluft zwischen der Realität des heutigen Wallis und seinem Image. Ein einziges Beispiel, weniger anekdotisch, als man glauben könnte: Wider Erwarten ist das politische Schicksal der Walliser Hauptstadt vor Kurzem in andere Hände gelegt worden. Am Rande des traditionellen politischen Parketts repräsentiert meiner Ansicht nach ein neuer Präsident, den man durchaus als “Aussenstehenden“ hätte betrachten können, das mittlerweile entschieden der Modernität zugewandte Wallis. Es zu wagen, eine ganze Politik auf die nachhaltige Entwicklung auszurichten!

Eine sanfte, symbolische und paradoxerweise in der Tradition verhaftete Revolution. Ich denke hierbei vor allem an den waghalsigen Bau des Suonennetzes zur Bewässerung unserer Talhänge und Weinterrassen, die der Schwerkraft seit mehr als einem Jahrhundert trotzen: Unsere Urahnen praktizierten nachhaltige Entwicklung, ohne es zu wissen! Auch die Informatikrevolution hat ihre Spuren hinterlassen. Wenn die Veränderungen, die sich direkt vor unseren Augen ereignen, auch schwerer zu erkennen sind als jene grossen, globalen, so bleiben sie doch nicht weniger fundamental. Von einem aber bin ich überzeugt: Dieses Land, das man einst gern als “alt“ bezeichnet hat, begnügt sich nicht mehr damit, seinen Boden zu kultivieren. Mit seinen mit Umsicht und Gelassenheit gepflegten Wurzeln hat es sich inzwischen Flügel angedeihen lassen.

Wurzeln und Flügel, Vorder- oder Rückseite der gleichen Medaille...
Das Wallis betritt festen Fusses das dritte Jahrtausend. Hatte es jemals eine andere Wahl?

Quelle