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Die Gesichter des Wallis

Mehr als eine Landschaft: ein Tempel der Natur

Vereinigung von Kraft und Heiterkeit
Von einem Gipfel, von einer Weide, von einem Pfad aus entfaltet sich das Wallis in seiner ganzen Pracht. Wie schnell, wie trefflich es das Grosse und Weite mit dem Intimen, Persönlichen zu vereinen weiss! Die Landschaften – von unerwarteter Vielfalt auf einem so kleinen Gebiet – präsentieren sich in mannigfachen Erscheinungsformen, ja bestechen durch reizvolle Gegensätze. Rechtes und linkes Rhoneufer, Felswüsten in den Höhen und blühende Fülle in der Ebene, der Talboden und die Schneeberge, das deutschsprachige Oberwallis und das französischsprachige Unterwallis... Im Schutz der hohen Berge hat die Natur in ihrer besten Laune diesen von Reinheit und Sinnlichkeit erfüllten Garten Eden von unverwechselbarem Charakter hervorgebracht. Eine vielfältige Fauna breitet sich darin aus – gibt es einen besseren Beweis für die Qualität eines Hortes der Natur? –, genauso wie diese Gämsen, die von Weitem riesigen Ameisen gleichen und nicht zuletzt die Luchse und Wölfe, die von weither wieder zurückgekehrt sind. Aber der Raum verändert sich auch laufend, und der Mensch verleiht ihm sein ureigenes Gepräge. Hier, ein wenig abgelegen, ein einsames Chalet; weiter weg eine Luftseilbahn, einer Heuschrecke gleich, und ganz dort hinten dörfliche Siedlungen hoch über dem Tal. Impressionen, die umso idyllischer wirken, als man um die unerforschten Gebiete weiter oben weiss, ganz “dort oben“, wo sich noch kein Mensch jemals niedergelassen hat. Unten im Tal locken die Städte, die diesem einst vornehmlich von der Landwirtschaft dominierten Land zu einer neuen, starken Identität verholfen haben. Mögen sie auch nicht zahlreich und von unterschiedlich grosser Bedeutung sein, so bestechen sie doch durch ihre Dynamik und Vitalität. Die Berge, die einst die hiesige Lebensart bestimmt haben, verleihen ihr heute ihren erhabenen Rahmen, und ihre Schönheit bietet sich dem Betrachter dar wie ein lebendiges Spektakel.

Die Macht der Linie
Punkte, Winkel, Pyramiden... Die Sprache der Geometrie liegt den heroischen Gipfeln der Viertausender zugrunde, deren prominentester Vertreter, ja deren Symbol schlechthin das Matterhorn – der “kosmische“ Berg – ist. Ein Band von blendend weisser Spitze zeichnet sich gestochen scharf auf dem Blau des Himmels ab. Mit wie viel Beharrlichkeit und Ausdauer die Menschen ihre Steilhänge urbar gemacht haben, veranschaulichen die pittoresken Landschaftsterrassen allenthalben, die über unzählige Stufen zu erklimmen sind: Es ist, “als wolle man zum Himmel empor steigen“ *… Im Lauf der Jahrhunderte sind auf diesen einzigartig engen Landschaftsterrassen Rebstöcke herangediehen, die einen den Wallisern ebenbürtigen Wein hervorbringen. Einen Wein von bestechender Vielfalt – und von unverkennbarem Charakter. Was aber wären diese spektakulären Bildmotive ohne die weichen, sanften Kurven von verschneiten Landschaften? Was ohne die glatte, liebliche Ebene und die weiten, offenen Flächen des fruchtbaren Kulturlandes? Hier geht es jedoch nicht um die schnöde Vereinigung von Widersprüchen, sondern um die freie Entfaltung von Gegensätzen. Sobald sie ihr Gleichgewicht untereinander gefunden haben, zeigen sie sich in ihrer ganzen Pracht. * C. F. Ramuz

Die Herrschaft des Unermesslichen
Das Wallis drängt es einem auf – das Grosse, Gewaltige, Unermessliche. Seine epische Natur neigt zum Überfluss, zeigt einen Hang zum Exzess. Eine fantastische, ja eine metaphysische Dimension, dominiert von der Präsenz all dieser leeren Flächen; eine Welt für sich, in der nicht einmal mehr die Vögel singen. Schwindel erregende Höhen, so weit das Auge reicht; gigantische Markierungen, enorme Gefälle, all diese Vertikalen, die steil zu Boden stürzen. Diese optischen Bruchstellen, diese räumlichen Kontraste sind es, die der Landschaft ihren einzigartigen Charakter, ihre eigentümliche Ausstrahlung verleihen. Das Ferne gesellt sich zum Nahen, das Nahe zum Fernen. Diese Dominanz der Vertikalität kann durchaus den drängenden Wunsch nach Horizontalität wecken, nach einer Lücke, wo der Blick ungehindert und frei in die Unendlichkeit abschweifen kann. Gemach: Die Enttäuschung wird nur von kurzer Dauer sein. Denn das Wallis besitzt trotz seines Umschlossenseins eine grosse Weitsicht “gegen innen“. Überraschend eröffnen sich die eindrucksvollsten Panoramen allenthalben, um sich gleich darauf ebenso überraschend wieder zu schliessen, als hätte sich ein begnadeter Regisseur die ganze Szenerie ausgedacht. Die Walliser sind in der Tat gute Zuschauer. Zuschauen, Anschauen, Hinschauen ist für manche von ihnen Teil ihres Alltags, Teil ihrer Lebensart.

In ständiger Bewegung
Ah! Die vermeintliche Unbeweglichkeit der Berge ... Spalten und Risse verschieben und verformen sich, Gletscher ziehen sich zurück, unterirdische Wasser bahnen sich ihren Weg, Lawinen schwellen an, Gesteinsbrocken kommen ins Rutschen, rollen den Hang hinunter, donnern zu Boden. Diese oft über lange Zeit kaum sichtbaren Naturereignisse bergen zweifellos eine gewisse Gefahr in sich. Kühn sind sie und unberechenbar, diese geballten Energien, die sich jederzeit mit gewaltiger Wucht entladen und sich tragisch auf das menschliche Dasein auswirken können. Ob der unermüdliche Bewegungs- und Tätigkeitsdrang der Walliser auf ebendiesen Umstand zurückzuführen ist? Von jeher war das Wallis ein Land von “Alpnomaden“; ein Land, in dem die Menschen mit ihren Viehherden im Lauf der Jahreszeiten den Futter- und Weideplätzen nachgewandert sind. Ab Ende des 19. Jahrhunderts zieht dieBevölkerung im einstigen Durchgangsland Wallis vermehrt von den Seitentälern weg, um sich in der Talebene und in den urbanen Zentren anzusiedeln. Ja, im Wallis ist alles in Bewegung.

Herrliche und verherrlichte Wasser
Im Eis und in den Gletschern, in der reinen Schönheit der Seen, in zarten Nebelschwaden, in gischtsprühenden Wasserfällen, in pflanzenreichen Sumpfgebieten durchtränkt das Wasser die Landschaft und nährt ihre Vielfalt, ihre Vitalität, ihre Poesie. In Überfülle ist das kostbare Nass vorhanden und doch defizitär; Leben spendend und doch bedrohlich, und darum ist die Beziehung zwischen dem Wallis und dem Wasser geprägt von Glück und Bitterkeit, von epischen Empfindungen und dramatischen Vorkommnissen. All dem zugrunde liegen jedoch ein bemerkenswertes Wissen über die Materie und eine intensive Auseinandersetzung mit derselben. Die Rhone – “die Königin des Tals“, die über Jahrhunderte frei geflossen ist – hat die Geschichte und den Charakter des Kantons wesentlich geprägt und in der Bevölkerung lange Zeit so widersprüchliche Empfindungen wie Anziehung, Verklärung, Gleichgültigkeit oder gar Abneigung ausgelöst. Heute, da sie von ihren herumvagabundierenden Launen und ihren verheerenden Ausbrüchen weitgehend befreit ist (die dritte Rhonekorrektion erfolgt gerade *), ist sie zahm und fruchtbar geworden. Von stupender Reinheit und Klarheit ist das Wasser, das im Wallis eine Art “Urquelle“ zu haben scheint; jeder Schluck erinnert an die Frische eines Bergbachs, an das Plätschern einer Quelle, an den Atem der Erde, des Lebens.

Klimawelten
Das Wallis, das ist zuallererst ein Himmel, ein Himmel wie gewaschen, tadellos, neu, neu wie am ersten Tag der Welt. Ein warmes, trockenes, ausserordentlich sonniges Klima – das sonnigste der Schweiz – zeigt sich von schier verschwenderischer Grosszügigkeit. Unter seinem Gipfelmeer hört man die Nachtigall singen, sieht man Thymian, Lavendel, Aprikosen wachsen... Sorten, die normalerweise unter mediterranen Himmeln gedeihen, finden hier, in diesem einmaligen Mikroklima, zu üppiger Vielfalt in Freiheit. Aber auch der Kontrastreichtum des hiesigen Klimas ist bemerkenswert. Die Jahreszeiten und Temperaturunterschiede sind intensiv. Da das Wetter von einem Moment auf den anderen umschlagen kann, entfesseln sich die Elemente wie “unter dem launischen Atem eines Riesen“ *, und die Perioden zwischen den Jahreszeiten erzeugen in diesem Land, das die Extreme liebt, Impressionen von flüchtiger Melancholie. Überdies wechselt das Klima innerhalb des Kantons von Gegend zu Gegend. Innert weniger Stunden gelangt man von den üppigen Erdbeer- oder Spargelfeldern in der Talebene über die malerischen Weinregionen bis hinauf zu schneebedeckten Höhen. Die Natur jedenfalls freuts: In welchem anderen Land existieren schon alle Jahreszeiten einträchtig nebeneinander, wo alle Wetter zur gleichen Zeit am selben Ort? Was die einzelnen Gegenden klimatisch miteinander verbindet: jene fruchtbaren Winde – namentlich der warme, trockene Föhn –, die spielerisch die Dunstschleier aufzulösen vermögen, welche sich wie durch Zauberhand zu spektakulären Nebelmeeren zusammenfügen können.Glänzendes Karminrot, Glitzern aus Gold, die Bläue der Himmel und der Wasser: Die Palette einer virtuosen Natur verfügt – passend zu jeder Jahreszeit – über die wundersamsten Farben, deren Leuchtkraft die Walliser Sonne aufs Vorteilhafteste hervorzuheben versteht. Und welche Farbe dominiert? Blau, ohne Frage. Das typische “Walliser Blau“, das für den wolkenlosen Himmel, die wasserklaren Bergseen, die hell strahlenden Augen der Bergführer steht und immer auch etwas von der Präsenz des Schnees, des blendend weissen, in sich trägt. Weiss sind auch das ewige Eis, melkfrische Kuhmilch, Schäfchenwolken – und doch nicht ganz weiss, weil von mineralischen Grautönen aufgemischt. Grau ist der Schiefer, grau sind die Felsen, die in Verbindung mit Holz an Tiefe und Wärme gewinnen. Chalets und Schindeln sind ebenfalls aus Holz, genauso wie eine schlichte, sonnenverbrannte Bank, und in Kombination mit Rot ist Holz eine Augenweide. Rot wie das Kantonswappen und die Fahne des FC Sion, rot wie der Klatschmohn oder manch gehaltvoller Walliser Tropfen... Die Blumen der Berge aber, weisser als der Schnee, blauer als der Himmel, röter als jede Fahne, triumphieren in stummer Pracht.

Transzendenz des Lichtes
Seine Anmut ist überall. In den von der Sonne verwandelten Farben. In den theatralischen Schatten der Bergmassive. Auf den Flächen der Talebene. In den schier mystisch wirkenden Nebelteppichen. Im Glitzern, Glänzen und Gleissen von Eis und Schnee, bis es einen blendet. Im Zittern zarter Blütenblätter. In der Form der Dinge. Im Herzen der Menschen. Im Wallis erinnert das einzigartig intensive und klare Licht an den ungetrübten Blick eines Kindes. Als Quelle des Wohlbefindens scheint es mehr zu enthüllen als zu erhellen: das ideale Licht für Maler, Künstler, Philosophen. Wenn der Herbst kommt und mit ihm die ihm eigene subtile Durchsichtigkeit, könnte man sich in einem japanischen Holzschnitt wähnen.Da oben, hoch über den himmlischen Gipfeln, flammen die Sonnenuntergänge gegen das Zögern des Horizontes auf, gegen die pfirsichfarbenen Weiten, gegen die sanften Schimmer. Ein solches Licht lässt einen immer wieder von Neuem an die Existenz von Glück glauben.

Eine vibrierende Welt
Bilder, die sich auf der Netzhaut einbrennen, und Empfindungen, die unter die Haut gehen, halten die Erinnerung an ein Land lebendig. Im Wallis geraten flüssige und feste, dynamische und statische Stoffe aneinander, vertragen und ergänzen sich, fügen sich zusammen, verschmelzen miteinander. Der Fels, omnipräsent, ist gleichzeitig Gerüst, Skulptur und Landschaftsmaterial. Der Untergrund – das geheime, unbemerkte Reich und doch der Ursprung von allem – ist mit Granit, Erzen, Serpentinen durchsetzt… Der grosse Verbündete des Urgesteins ist das Wasser: Es ist überall. Im jungfräulichen Schnee am Morgen, im plätschernden Bergbach, im unterirdischen See, im ewigen Eis, in einer rasch vorüberziehenden Wolke, in einer sprudelnden Quelle, in einer frischen Wasserlache... Die Weinblätter an den Rebstöcken, die Bäume im “Frucht und Gemüsegarten der Schweiz“, ein Nadelteppich, das Gras auf einer Wiese, die Blütenblätter einer Waldrebe bieten sich dar wie paradiesische Gaben. Zu diesen Urstoffen kommen Stein und Holz hinzu, in natürlicher oder in verarbeiteter Form. Damals wie heute sind sie alltäglicher Bestandteil von Chalets, Türmen, Mauern... Alltäglich und nicht minder typisch für das Wallis sind auch jene Spezialitäten, die von der Grosszügigkeit der Natur und von den Fertigkeiten der Menschen zeugen: Honig, Trockenfleisch, Roggenbrot – Köstlichkeiten, die sich gegenseitig aufs Geschmackvollste ergänzen. Aus diesem unerschöpflichen Katalog sticht eine Materie besonders hervor, noch erstaunlicher als alle anderen und unendlich kostbar: die Luft, die reine, würzige Luft, die die Farben noch lebhafter, die Linien noch klarer wirken lässt und Geist und Sinne der Menschen von jeher zu entzücken versteht.

Mythische, betörende Gerüche
Genauso kontrastreich wie die Jahreszeiten, genauso lebhaft wie die Farben schweben tausend Wohlgerüche im Gebirge, getragen vom Wind und von der Aussicht auf glückliche Tage. Sie bilden eine einzige betörende Duftwolke von ausserordentlicher Reinheit und Authentizität. Alles, was in der Luft mitschwingt und von ihr aufgefangen wird, wird in diese einzigartige Komposition von unverfälschten Düften integriert. Essenzen von Blumen, von aromatischen Kräutern; von Harz, Pollen, Wiesen, Gletschern; von Rebstöcken, von Wein und von traditionellen Walliser Gerichten... Es sind die Gerüche eines “Paradiesgartens“, genauso mythisch und unvergänglich bis in alle Zeit.

Eine bewohnte Stille
Endlich Stille. Eine tiefe Stille, die einem den Atem nimmt. Eine so grosse Stille, dass man das Schlagen des eigenen Herzens hört – genauso wie den Wassertropfen, der zu Boden fällt. Und den Föhn in den Ästen. Das Stakkato der Felsen. Das Knacken des Holzes. Das Läuten der Kirchenglocken. Das Geräusch von rutschenden Steinen am Ende des Weges. Das Bimmeln der Herden. Das Tosen des Wasserfalls. Ah, die viel besungene “Stille“ der Berge! Aber da entfaltet sie sich auch schon wieder neu, wickelt einen ein, sorgsam auf ihre Vollkommenheit bedacht.

Quelle