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Die Werte des Wallis

« Glühendes Land »

« Walliser par excellence »…
Es hat seinen Ursprung in diesem eigentümlichen Licht, oder vielleicht wurzelt es auch im Anblick der riesigen Tannen, der prachtvollen Gipfel, der hölzernen Wegkreuze oder in einer anderen faszinierenden Eigenart – dieses unvergleichliche, mit Stolz gemischte Glücksgefühl, ein Walliser zu sein. Es ist, als würde ein unsichtbares Band den Walliser mit “Leib und Seele“ an seine wunderschöne Heimat binden, die sowohl real existierendes Land als auch Traumland ist. Nur, dass das Wallis im eigentlichen Sinne ja gar kein Land ist – aber wie heisst es doch so schön? “Zuerst ist man Walliser und erst dann Schweizer“… Es handelt sich ja auch um eine besondere Welt, die sich da im Schutz ihrer majestätischen Gipfel im Süden der Eidgenossenschaft ausbreitet. Eine heitere, vollendete Welt, die trotz ihrer Lage im Herzen der Alpen immer wieder an eine Insel denken lässt. “Die Walliser Insel“... Trotz der Grenze seiner Zweisprachigkeit und der Konstellation seiner Gemeinden – jede für sich eine in sich abgeschlossene Welt, ein kleines, überschaubares Stück Heimat – bildet das Wallis ein harmonisches Ganzes, das so gar nicht den Klischees entsprechen will, die ihm zuweilen untergeschoben werden. Im Unglück oder fern von zu Hause und über die üblichen Kirchturmquerellen und die Sprachgrenze hinaus sind sich die Ober- und die Unterwalliser einig. Im Übrigen scheinen “Brüderlichkeit“ und “Solidarität“ für die Walliser zu ihrer zweiten Natur zu gehören. Die Familie, die Sippschaft, das Dorf und allein schon der Name haben hier ihre ungebrochene Bedeutung: “Und wo genau, sagst du, hast du deine Reben?“…

Pa capona !
“Als er gesagt hat, dass er Walliser ist, hat er alles gesagt“, notierte einst ein versierter Beobachter. Alles über seinen ausgeprägten Charakter im perfekten Gleichgewicht zwischen Heiterkeit und Vitalität. Alles über seine Verbundenheit mit der heimatlichen Scholle, in der er eine “erquikkende“ Ruhe findet, aufbauend und besänftigend zugleich. Alles über seine Geduld und seine Hartnäckigkeit, die ihn die Berge von Kindsbeinen an gelehrt haben. Alles über seine Fähigkeit, Herausforderungen anzunehmen, sich anzupassen und sich zu engagieren. Alles über seine respektvolle Haltung gegenüber traditionellen Werten; gegenüber der Treue, dem gegebenen Wort, der unumgänglichen Pflicht. Aber auchalles über sein südländisches Temperament, seinen kritischen, unabhängigen Geist. Alles über seine Brüderlichkeit und Grosszügigkeit. Alles über sein aufrichtiges Bergler-Gemüt, seine Unverfälschtheit und Offenheit, die sich hinter seiner Zurückhaltung verbergen. Alles über seine extravertierte Lebhaftigkeit, seine Freude an kleinen Dingen, fern von jedem Überschwang. Alles über seine Devise Pa capona (“pas question de capituler“ – Aufgeben kommt nicht infrage), die alles besagt. Die alles besagt? Eine Seele lässt sich nicht in Worte fassen wie die Form eines Berges. Auch wenn sie diesem durchaus ähneln kann. In ihrer Grösse und in ihrer Erhabenheit.

Hier und dort
Der Unabhängigkeitsdrang und das Solidaritätsempfinden der Walliser wurzeln zweifellos in der gleichzeitig schützenden wie isolierenden Topografie des Kantons und in der Tatsache, dass die Menschen in den Bergen einst auf sich selbst angewiesen waren – was sie durchaus dazu hätte verleiten können, sich auf sich selbst zurückzubesinnen. Aber der Umstand, dass die prachtvolle Bergarena über einen Korridor, über ein Portal zum Süden verfügt, hat die Walliser empfänglich für den Austausch werden lassen. Sie haben ihre Strassen und Berge für Menschen aus aller Herren Länder und für den Handel mit Gütern und Waren zugänglich gemacht. Abgeschlossenheit und Öffnung befinden sich im Wallis nicht im Widerspruch, sondern widerspiegeln vielmehr ein ausgewogenes Existenzmodell von doppelter Dynamik, das die Grundlage für eine hohe Lebensqualität schafft.

Der Geist der Natur
Die kraftvolle Vielfalt der Landschaft und ihre wilde, unverfälschte Schönheit gehören zu den Wallisern wie eine vertraute Sprache, wie eine Familienlegende, wie ein lang bewohntes Haus. Ihre Hoffnungen und Empfindungen werden von der ewigen Ursprünglichkeit der Gipfel, von saftigen Alpweiden und von der schweren Traubenlast am Rebstock geprägt. Aber sie wissen auch, dass der Mensch nicht alle Macht über die Natur hat. Die unvorhersehbare, möglicherweise bedrohliche Umwelt zwingt zur Vorsicht, zur Demut, zum Überschreiten der eigenen Grenzen, aber auch und vor allem zum Respekt. Wie kann man dieses Naturerbe und seine unvergleichliche ökologische Schönheit schützen, ohne sich selbst aussichtsreicher wirtschaftlicher Perspektiven zu berauben? Eine grosse und schwierige Aufgabe zweifellos, in der die Walliser die Chance zur nachhaltigen Stärkung ihrer Identität erkennen.

Reichtum der Sprachen
Zwei offizielle Sprachen werden im Wallis gesprochen, im Unterwallis Französisch, im Oberwallis Deutsch. Und das ist über alle Klischees und Vorurteile hinaus auch schon einer der wenigen real existierenden Unterschiede in diesem schönen Land. Die französische Sprache überwiegt heute zu zwei Dritteln, was nicht immer so war. Im Verlauf der Zeit jedoch hat Deutsch zugunsten von Französisch an Bedeutung verloren, und Sitten (Sion) und Siders (Sierre) sind französischsprachig geworden. Das so genannte “Patois“, das vom Französisch-Provenzalischen oder vom Arpitanischen abstammt, wird immer noch in gewissen Dörfern im Unterwallis gesprochen, vor allem in der Region von Evolène. Der Oberwalliser Dialekt hingegen, der die mündliche, im Alltag gebräuchliche Sprache des Oberwallis ist, bleibt authentische Muttersprache. Über diese hauptsächlichen Sprachen hinaus ist das Wallis die einzige Region, das einzige “Land“, wo sich alle europäischen Sprachen der Alpen treffen: Deutsch, Französisch und Italienisch, das von den zahlreichen Einwanderern aus dem südlichen Nachbarland eingeführt worden ist. Ungeachtet ihrer Herkunft haben diese Sprachen – ob sie nun aus den tiefsten Tälern oder von den höchsten Alpen stammen – eine gemeinsame Prägung, die ihnen vom gleichen Himmel, vom gleichen Boden, von der gleichen Nahrung, vom gleichen Glauben und von der gleichen Leidenschaft verliehen worden ist.

Der hehre Wert der Zeit
Dort oben auf den Gletschern wähnt man sich in prähistorischen Zeiten, in jener Ur- oder Ewigzeit, die lange vor der Geschichte war und die diese zweifellos auch überdauern wird. Weiter unten im Gebirge, das den Berggänger sowohl bedrohen als auch ganz für sich vereinnahmen kann, ist man der Zeit immer einen Schritt voraus. Und noch weiter unten, auf den kräftigen Wiesen und Weiden, ist man schliesslich ganz in der Gegenwart angekommen. Diese vielschichtigen Empfindungen verleihen der Zeit eine besondere Prägung, die die Walliser zu schätzen wissen. Ihre gleichzeitig direkte wie genussfreudige Wesensart spricht dafür, dass die Walliser am liebsten unbeschwert in den Tag hinein leben würden. Die tiefe Bindung an ihre Geschichte, an ihre Sitten und Traditionen hält sie jedoch davon ab. Das gefühlsbetonte Verhältnis zu ihrer Vergangenheit, zu ihrem Erbe und zu ihrer Überlieferung – vor allem, was die heimatliche Scholle und den Weinbau betrifft – ist nicht frei von einem gewissen Hang zur Nostalgie, der sie jedoch keineswegs daran hindert, zuversichtlich und innovationsfreudig der Zukunft entgegenzugehen. Wenn die Walliser unbeschwert zwischen dem Gestern und dem Heute, zwischen lieb gewordenen Erinnerungen und zukunftsweisenden Projekten balancieren, ist das vielleicht auf die einzige Dimension zurückzuführen, die in ihren Augen wirklich zählt und die zweifellos untrennbar mit dem Bild der Berge verbunden ist: jene der Ewigkeit. Jede Blume, jeder Stein, jeder Bergbach ist Teil dieser Symphonie des Unwandelbaren. “Erhabene Landschaft. Man betrachtet sie, um hier zu bleiben oder um sie zu verewigen.“* Rilke, Obstgärten

Hymne ans Leben und an die Geselligkeit
Was wäre schon das Vergnügen, wenn man es nicht mit anderen teilen könnte? Obwohl der Walliser lange den Verboten christlicher Moral und dem lustfeindlichen Begriff der Sünde unterworfen war, geniesst er das Leben gern in vollen Zügen. Insbesondere schätzt er die Freuden der Tafel und des Wortes; eine Dimension von “gemeinschaftlichem Vergnügen“, eine lustvolle Komposition von Leckerbissen aller Art. Nicht weiter verwunderlich im Übrigen, wenn man bedenkt, dass die Kultur des Weins und des Weinbaus – die Kunst der Spontaneität und der Grosszügigkeit schlechthin – nicht nur ein dynamisches Landschaftselement, sondern auch eine Lebensart, ja eine Form von Liturgie ist. Die Jagd und die Fischerei – einfache, aber freudvolle Freizeitbeschäftigungen, die viel Geduld erfordern und hierzulande auf die Stufe der Kultur erhoben werden – lassen von schlichten und schmackhaften oder von geradezu lukullischen Schlemmereien im Freundeskreis träumen. Vom Anblick der imposanten Gipfel, von der Reinheit der Luft und von der Überfülle der Obstgärten getragen, lässt sich hier die Freude am Genuss durchaus auch zu kraftvolleren Manifestationen hinreissen. Von Kindsbeinen an üben sich die Walliser mit Leidenschaft und Mühelosigkeit in allen möglichen sportlichen Disziplinen.

Der Geschmack des Echten
Die Wege des Herzens gehen durch den Magen, wie jeder Geniesser aus eigener Erfahrung weiss. Und was für Gourmandisen die Natur im Wallis heranreifen lässt! Mannigfach sind die Gelegenheiten, bei denen man sich am Duft einer Aprikose, am Geschmack einer Spargel erfreuen kann… Unter dem heiteren Himmel, unter der strahlenden Sonne entsteht ein wahrhaft geschmack- und aromareiches “Schlaraffenland“. Untrennbar mit der Walliser Identität verbunden, überbieten sich diese authentischen Produkte gegenseitig an Üppigkeit und an Geschmacksreichtum, verkörpern den Bio-Gedanken vortrefflich und “von Natur aus“. Eine wohltuende und gesunde, ungekünstelte und traditionsbewusste Küche belebt Körper und Geist gleichermassen. Raclette – die Walliser Spezialität schlechthin, genauso berühmt wie althergebracht – eignet sich vorzüglich für gesellschaftliche Anlässe und enttäuscht nie. Gesegnete Momente… Die Weine bestechen durch ihre einzigartigen Aromen, die Roggen- und Weizenbrote durch ihren ursprünglichen Geschmack. Gebrannte Wasser wie Abricotine, Williamsschnaps und Genepi sind das vollendete Geschmackkonzentrat all jener Produkte, die im Rhonetal in prachtvoller Fülle gedeihen.

Der Sinn der Spiritualität
Ist es die Höhe der Berge? Sind es die Naturkatastrophen? Ist es die kosmische Dimension der Natur? Wie dem auch sei: Das Wallis besitzt eine Prädisposition zum Spirituellen, ungeachtet der Strömungen der Zeit und des Ausmasses menschlichen Leids. Die Walliser lebten lange unter dem Joch der Politik und der katholischen Religion. Die Bischöfe waren das Sinnbild der Macht schlechthin. Im 17. Jahrhundert nannten sich diese Kirchenmänner Grafen und Präfekten vom Wallis, und ihr Siegel zeigte ein aufgerichtetes Schwert, verziert mit einer Krone und einem Stern, was die doppelte politische und religiöse Macht symbolisierte. Heute versinnbildlichen schneeweisse Kapellen und unzählige Kreuze am Wegrand das Licht der Hoffnung und das Vertrauen in die Zukunft. Auch die Traube und der Rebstock in der Landschaft und in den Traditionen symbolisieren auf ihre Weise die Bedeutung des Glaubens und der Natur.

Der Schauplatz des Sagenhaften
Der Teufel ist ins Gebirge verbannt worden. Bei jedem ungewohnten Geräusch – beim Einstürzen eines Felsens, beim Schrei eines Tieres, beim leisesten Knacken im Gebälk – schrecken die einsamen Hirten hoch. Wenn ein Kind die Brust seiner Mutter verweigert, ein Esel partout nicht mehr weitergehen will, eine Scheune in Flammen aufgeht, dann sind das die bösen, strafenden Geister. Nicht vergeblich tragen im Wallis Landschaften heute noch Namen wie “Tête d’Enfer“ (Höllenkopf) oder “Quille du Diable“ (Teufelskegel)... Im Wallis, mehr als anderswo, sind die Sagen und Legenden zweifellos erfunden worden, um die Angst vor den reellen Gefahren zu bannen. Sie bildeten den nachvollziehbaren Teil der schier mystischen Allianz zwischen den Wallisern und den Mächten der Natur. Populär im besten Sinn des Wortes, widerspiegelten sie den Alltag eines Bauernvolkes, nicht ohne jedoch eine Tür ins Reich der Fantasie aufzustossen – imaginäre Reisen für all jene, die in der heimatlichen Erde fest verwurzelt waren. Das Talent, Geschichten zu erzählen und ihnen zuhören zu können, ist auch einer Persönlichkeit in die Wiege gelegt worden, die mittlerweile zum Mythos geworden ist: Farinet – Schmuggler, Falschmünzer und Verteidiger der kleinen Leute. Als Denkmal hat ihm Saillon einen Weinberg gebaut; es ist der kleinste katastrierte Weinberg der Welt. Seine drei Rebstöcke gehörten einst dem Abbé Pierre, der sie seinerseits dem Dalai Lama weitervererbt hat. Das Schicksal geht manchmal gar wunderliche Wege…

Die Macht der Symbolik
Das Wallis liebt die Macht der Embleme, die Macht vertrauter Botschaften, die im kollektiven Bewusstsein verankert sind. Bereits der Name des Kantons ist kurz, klar und deutlich; gleichzeitig hat er aber auch eine konkrete Bedeutung, die vom lateinischen Wort vallis abstammt, was – sinnigerweise – nichts anderes als “das Tal“ heisst. Dazu passt ein Wappen von kraftvoller Vitalität. Rot – die Farbe des Feuers, des Bluts und der Revolution – fordert zum Handeln, zum Kampf, zur Liebe auf. Weiss wirkt wie eine beschwingte Stille, ist Symbol von Reinheit,Weisheit, Stille undWiedergeburt. Schliesslich der Stern –Quelle des Lichts – in dreizehnfacher Ausführung, was der Anzahl der Kantonsdistrikte entspricht. All diese Symbole, gleichzeitigWächter über die Vergangenheit und Träger der Zukunft, vermögen die Seele zu leiten und haben im Herzen der Walliser einen Ehrenplatz.

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