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Eine Quelle der Natur

« Land, auf halbem Weg angehalten zwischen Erde und Himmeln...* »

Das Wallis im Süden der Schweiz ist in diesem Spannungsfeld zwischen Verwurzelung und Weltoffenheit, zwischen Erdverbundenheit und Unermesslichkeit, zwischen feurigem Ungestüm und der Kunst der Kontemplation verankert. Eine Landschaft, die aussieht, als wäre sie der Schöpfungsgeschichte entnommen: der überbordend blaue Himmel, die Feld- und Stadtszenen, all die verborgenen Winkel und Welten mit ihren subtilen Reizen zeugen von Glut und Substanz gleichermassen – und prägen die Identität eines “richtigen“ Landes, obwohl es sich dabei im eigentlichen Sinne doch um eine Region handelt. Der Name dieses aparten Landstriches – so klar wie seine Luft, sein Wasser, die Sicht im Herbst – stammt von vallis (das durch den Rhonegletscher erschaffene Tal).


Ja, das Wallis ist herrlich. Hier zu leben, heisst, sich einen ganz eigentümlichen Wind um die Nase wehen zu lassen; den Ursprung der Dinge mit allen fünf Sinnen zu erfühlen, mit der Fingerkuppe die Ewigkeit zu berühren – jene davor und jene danach. Hier zu leben, heisst auch, sich mit dem Universum und seinem Schicksal befassen zu müssen. Nun ja, über kurz oder lang kommt man halt ins Schwärmen, ob man will oder nicht. Aber das Wallis ist für Superlative eben wie geschaffen – mit seinem Klima, das sich jederzeit ins Extreme steigern kann, und mit seinen Gipfeln, die den Himmel zu durchlöchern scheinen und zum Denken, zum Sinnieren inspirieren... Der Eindruck von Höhe muss wohl mit einem Gefühl von Erhabenheit einhergehen. Das Wallis – geprägt von der Religion, der Erde, der Lyrik – oszilliert zwischen dem Reellen und dem Übernatürlichen, dem Tragischen und dem Wunderbaren. Und doch ist seine Landschaft gleichzeitig auch sehr markant. Im freien Raum sind ihr durch klare Linien geografische Grenzen gesetzt, geschmückt wird sie von den Alpen, gekrönt von der Geschichte. Dass das Wallis in der Vergangenheit über bemerkenswert lange Zeit unabhängig geblieben ist, unterscheidet es vom Rest der Schweiz und verleiht ihm eine starke Anbindung an sein kulturelles Erbe. Dieses glühende Land zehrt von seinen intensiven Erinnerungen.

“Glühendes Land“... Die Persönlichkeit der Walliser ist ausgeprägt. Wie könnte auch das tiefste Innere eines Menschen von der Schönheit und von der Kraft dieser Landschaft unberührt bleiben? Wie sollten der Geist und die Sinne durch ihre Motive nicht beeinflusst, wie die Seele durch die charismatische Urtümlichkeit der Gipfel, das friedvolle Echo der Herden, die zähe Beharrlichkeit der Reben, die einsame Stille abgelegener Gebiete nicht geformt werden?

Bonvivants sind sie, die Walliser, und ihre muntere, gesunde Lebensart mutet fast schon mediterran an. “Südländische Bergler“, wenn man so will. Ihre Verbundenheit mit ihrem Kanton, mit ihrer “Insel im Herzen der Alpen“, einigt die Ober- und die Unterwalliser über alle Verschiedenartigkeit hinweg wie der Schnee auf den Gipfeln ihrer Berge. Ihre Vitalität und ihre Ausdauer bei der Arbeit, beim Feiern und in der Freundschaft sind – genauso wie ihr angeborener Gemeinschaftssinn – zweifellos auf ihre Begabung zurückzuführen, sich nach den Launen des Himmels und den Ansprüchen der Erde zu richten. Wenn anderswo die Beziehung der Menschen zu den Kräften der Natur oft recht komplex ist, so ist sie im Wallis lebendig, erfüllt. In der reinen, klaren Luft, in der alles wieder zu neuem Leben erblüht, wecken die Landschaften und die mächtigen Berggipfel die Sehnsucht, fordern zu müssiger Beschaulichkeit und zu lustvoller Bewegung auf. Eine Welt, die einen den Blick erheben lässt, muss eine glückliche Welt sein.

*Rilke, Die Walliser Gedichte

Quelle