Emmanuel Reynard
Die Landschaft, das Erbe der Walliser
In meiner Tätigkeit als Geograf hatte ich das Glück, das ausgeklügelte, weit vernetzte Suonensystem studieren zu können, diese auf Bergflanken angelegten Bewässerungskanäle, welche die Bergbauern des Mittelalters errichtet haben, um die Produktivität ihres Anbaulands zu erhöhen. Diese Suonen haben sich im Lauf der Zeit weiterentwickelt, sind manchmal durch Tunnels ersetzt worden, um schliesslich eine neue, eher touristische Funktion anzunehmen; nichtsdestotrotz sind und bleiben sie Teil der Walliser Landschaft.
Die Walliser Landschaft … Was versteht man eigentlich darunter?
Und: Gibt es diese Landschaft überhaupt noch?
Die Maler und Schriftsteller Ende des 19. Jahrhunderts haben sie unzählige Male dargestellt: bäuerlich, in der Art eines bestellten, vom Menschen beseelten Gartens; eine Landschaft, die in ihren schönsten Farben leuchtet und in der doch immer auch die Schwere der Landarbeit und die Härte des Kampfs gegen die Naturelemente zum Ausdruck kommen. Eine Umgebung, die in gewisser Weise auch auf den Charakter der Walliser abgefärbt haben soll; Menschen, die – dem Bild ihres Lebensrahmens entsprechend – gern als rau und leidenschaftlich bezeichnet werden und denen eine unabhängige Geisteshaltung nachgesagt wird.
Ist diese Landschaft also nichts weiter als ein Bild, das von Künstlern und Autoren einer längst vergangenen Epoche auf der Suche nach einem “ausgesparten“ Landstrich erschaffen worden ist zu einer Zeit, als sich grosse Teile Europas unter dem Diktat der industriellen Revolution unaufhaltsam veränderten? Und ist im Übrigen nicht auch damals der Begriff des “Vieux Pays“ – des “Alten Landes“ – geprägt worden, der dem Wallis noch hundert Jahre später anhaften sollte?
Die Walliser Landschaft hat sich genauso verändert wie andere Regionen auch. Das “Vieux Pays“ existiert nicht mehr. Die Rhone und ihre Zuflüsse sind korrigiert, die Ebene ist trockengelegt worden, damit – um mit den Worten des Geografen Jean Loup zu sprechen – dieser enorme Polder mit seinen geometrischen Formen entstehen konnte, die sich aus den Grenzen der Parzellen ergeben. Auf den Anhöhen längs der Rhone haben Getreidefelder und Obstgärten den Weinbergen Platz gemacht, deren Gesamtfläche sich innerhalb eines Jahrhunderts mehr als verdoppelt hat. Man stelle sich die Sonnenhänge ohne diesen “Teppich“ voller Weinberge vor, die bis zu 800 Meter über Meer reichen: eine vollkommen andere Landschaft! Auch die Berge haben sich verändert. Die Fläche der Gletscher hat sich um die Hälfte verringert, und die Bergbahnen haben die höchsten Gipfel kolonisiert. Ferienorte sind aus dem Boden gestampft, Staudämme in zahlreichen Seitentälern erbaut worden ...Warten wir erstmal die Windräder ab, die in Bälde auf dem einen oder anderen Höhenpass installiert werden sollen.
Wie jedes Erbe muss auch unsere Landschaft “verwaltet“ werden, damit sie ihren Charakter bewahren kann, und so ist sie oft das Abbild von der Inexistenz politischer Visionen. Was für eine komplexe Aufgabe aber auch, wo sich doch die aktuellen Veränderungen im Vergleich zu den grossen, schmückenden Bauwerken der vorangegangenen Jahrhunderte – den Pass- und Handelswegen über die Alpen, dem Terrassenanbau, dem Suonennetz, den grossen Staudämmen, den Berghotels, usw. – vor allem auf banale kommerzielle Zonen beschränken, die sich um jede Autobahnausfahrt im Rhonetal schnöd herumgruppieren!
Auch wenn sich die Walliser Landschaft im Lauf des letzten Jahrhunderts beträchtlich verändert hat, bleibt sie doch eine der wichtigsten Visitenkarten des Kantons; sie ist eines seiner touristischen Highlights, ein herrliches Erbe im besten Sinne dessen, was von Generation zu Generation weitergegeben werden kann. Einem riesigen Palimpsest gleich – im ständigen Wandel begriffen – nimmt die Landschaft nach und nach die Veränderungen an, um ein unaufhörlich sich erneuerndes Bild von sich selbst zu schaffen, ein Bild, das sich kontinuierlich weiterentwickeln wird, indem es gleichzeitig gewisse Züge aus der Vergangenheit bewahrt.
Was für ein Bild wird das Wallis in hundert Jahren bieten? Die Antwort hängt allein von uns ab …
Emmanuel Reynard, Geograf
Quelle
- Kommentar des Buches « Wallis, Leib & Seele », Kapitel « Erbe »

