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Erbe des Wallis

Ein stolzes Erbe

Glühend und einigend
Die Turbulenzen der Geschichte hätten das Wallis aufgrund seiner geografischen Lage weitgehend verschonen können, und dennoch haben sie gerade diesen Landstrich heimgesucht. Das Wallis – zuerst im Schoss des Burgundischen Königreichs, dann unter der Herrschaft des Hauses von Savoyen, von dem es sich schliesslich loslösen kann – konsolidiert seinen Status als Alliierter der Helvetischen Eidgenossenschaft und wird dann zum Kanton der “Helvetischen Republik“, die 1798 gegründet worden ist. Kurz darauf – im Jahr 1802 genau – wird das Wallis von Bonaparte zur unabhängigen Republik erklärt und 1810 unter der Bezeichnung “Département du Simplon“ dem französischen Reich einverleibt, bevor es 1815 als zwanzigster Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft beitritt. Diese rasche Folge von verschiedenen “Nationalitäten“ hat den Kampfgeist und den Unabhängigkeitsdrang des Kantons noch gefördert. Mehr noch aber hat sie die Bindung zum Lokalen gefestigt, die das nationale Zugehörigkeitsgefühl zweifellos überwiegt. Die Eindämmung der Rhone, die 1863 in einer ersten Phase nach verheerenden Überschwemmungen erfolgt, verstärkt die kämpferische Haltung und den unbeugsamen Willen der Walliser noch. Die Geschichte nimmt Einfluss auf eine Gesellschaft und ihre Strukturen. Die Fürstbischofe zeugen von der Verstrickung von Politik und Religion im Wallis. Walter Supersaxo ist der erste Bischof, der um 1480 Münzen prägt: ein deutliches Zeichen von Macht, das sich gegen Savoyen richtet. Auch die Burgergemeinden haben im Wallis von jeher eine bedeutende Rolle gespielt. Das “Konstitutionelle“ hat im Lauf der Zeit die Aktivitäten der Einwohnergemeinden ergänzt und kommt in zahlreichen Bereichen zur Anwendung. Aus seiner sowohl stürmischen als auch von Stolzgeprägten Geschichte hat das Wallis einen reichen Schatz an Traditionen und Erinnerungen davongetragen – so, wie sich das für ein “richtiges Land“ mal gehört.

Eine offene Welt
Eine kleine Welt, von Bergen umgeben. Aber auch eine kleine offene Welt. Sie hat einen Pass, den Grossen Sankt Bernhard, der trotz seiner Höhe seit alters begangen wird; sie hat einen Fluss, die Rhone, die sie von einem Ende zum anderen durchquert, und sie verfügt über eine Achse, die sich schon die Römer zwischen Italien und Nordgallien zunutze machten. Von den Ländern des Nordens bis zu den Mittelmeerländern eröffnen sich so bedeutende Handelsstrassen. Eines Tages gibt es einen zweiten Pass, dann einen dritten, und irgendwann einmal bohren sich kilometerlange Tunnels durch diese dicken Erd- und Gesteinsmassen hindurch. Ob das Wallis wohl irgendwie “mit dem Verkehr beauftragt“ worden ist, wie sich das schon C. F. Ramuz gefragt hat? Im Gegensatz zum gängigen Klischee ist das Wallis also weit davon entfernt, abgeschlossen von der grossen weiten Welt zu sein, und neue Ideen, Moden, kollektive Hoffnungen, grosse und kleine Geistesströme setzen sich hier ebenso schnell durch wie anderswo in Europa auch. Kühne, weitsichtige Persönlichkeiten wie Matthäus Schiner und Georges Supersaxo – um nur zwei zu nennen – haben schon zu ihrer Zeit ein Beziehungsnetz über den ganzen Kontinent gespannt. Kaspar Jodok von Stockalper errichtet im 17. Jahrhundert ein Wirtschaftsimperium, indem er sich den Simplonpass zunutze macht. Auf militärischer Ebene gründet er ein Heer von Söldnern, deren Dienste er fremden Fürsten oder Königreichen anbietet. Die Walliser haben nie in vollständiger Autarkie gelebt. Ihre Händler und Kaufleute sind in so bedeutenden Städten wie Rotterdam, Lyon, Mailand, Genua oder Venedig aktiv, während die Offiziere im Dienst europäischer Höfe bei ihrer Rückkehr von den Fortschritten in Kultur und Wissenschaft berichten. Ausländische Künstler und Architekten ihrerseits gelangen ins Wallis, um hier ihr Talent unter Beweis zu stellen. Es gibt eben keine wahrhaften Grenzen, ausser im Bereich des Intimen. Alle anderen sind dazu da, überschritten zu werden…

Kostbare Begegnungen
Während die Rhoneebene noch nicht ganz trockengelegt und die Industrialisierung erst in ihren Anfängen ist, erschüttern schwere politisch-religiöse Unruhen das Land. Das 19. Jahrhundert ist ein schwieriges Jahrhundert, und viele Walliser suchen ihr Heil im Neuanfang in einer ganz anderen Welt, in einem ganz anderen Leben, selbst wenn sie dafür in der Heimat alles aufgeben müssen. Sie wandern nach Argentinien, nach Amerika und insbesondere nach Kanada aus... Das Phänomen der Emigration verstärkt sich mit dem Ausbau der Eisenbahnlinien und des Strassennetzes, weil dadurch das Reisen erheblich erleichtert wird; auch die Schweizer Städte werden für viele Walliser zur Wahlheimat. Später macht sich ein wahres Heer von Missionaren nach Indien, Tibet, Ecuador, Algerien, Tunesien oder Burundi auf, um dort den katholischen Glauben zu verbreiten. Nicht, dass dieser Hang zum Ausreisen neu wäre. Schon seit dem 15. Jahrhundert haben sich die Walliser auf militärischer Ebene in den Dienst ausländischer Staaten wie Spanien, aber auch die Niederlande, Piemont, Savoyen, England und natürlich Frankreich gestellt. Mit der Machtergreifung von Napoleon vergrössert sich ihre Anzahl noch. Wenn das Wallis lange Zeit ein Auswanderungsland war, so ist es – wie andere Regionen in der Schweiz auch – allmählich zu einem Einwanderungsland geworden. Zuerst für die Italiener (infolge des Eisenbahnbaus Ende des 19. Jahrhunderts), dann für die Spanier und vor allem für die Portugiesen, schliesslich für die Einwanderer aus den Balkanstaaten. Und wieder wird das Klischee vom Abgeschottetsein über den Haufen geworfen: Das Wallis erweist sich als ein Land, in dem das Neben- und Miteinander von Angehörigen verschiedener Völker möglich ist. Zudem ist eine grenzüberschreitende Solidarität der Bergbewohner zu beobachten, die noch stärker als die interkantonalen Beziehungen zu sein scheint. Man kommt hierher fürs Leben, oder auch nur auf Besuch. Rousseau, der grosse Naturfreund mit einer Begabung für die Wiedergabe von Subtilem, ist der Erste, der die Schönheit und den Charme des patriarchalischen Lebensstils der Walliser einzufangen weiss. Der Tourismus entwickelt sich im Wallis seit den 1860er-Jahren. Gegen Ende jenes Jahrhunderts beginnen die intellektuellen Eliten der Schweiz auf ihrer schwierigen Suche nach einer klar definierten Identität ein eher vergangenheitsverklärtes Bild des Wallis zu schaffen. Sie richten ihren Blick auf den Bergbauern, den “Homo alpinus“, der bald zum Symbol der authentischen Schweiz wird. Das Bergdorf wird zum Urbild einer autarken, eingeschworenen Bauerngemeinschaft, die zwar arm, dafür aber stark und intakt ist und in vollständigem Einklang mit der Natur lebt. So entsteht das Konzept des “Vieux Pays“, des “Alten Landes“. So zweifelhaft und komplex dieser Begriff auch ist, so setzt er sich doch in der Bevölkerung durch und wird schliesslich fester Bestandteil ihres Selbstverständnisses. Entstanden als blosse Projektion der intellektuellen Eliten vor 1914, gelingt es diesem einzigartigen Konzept, sich im Lauf der Zeit in den Köpfen von Jung und Alt festzusetzen – so sehr, dass es heute noch zahlreiche starke Bilder und Klischees nährt, die immer noch mit dem Kanton verbunden werden.

Die Gegenwart der Vergangenheit
Es ist eine Geschichte voller Feuer, Blut und Eisen, die gleichzeitig auch von grossen Inspirationen und brillanten Einfällen durchsetzt ist: Das architektonische Erbe prägt die schöne Walliser Landschaft mit seiner reichen Vielfalt. Wenn auch zuweilen die Steine der Schlösser für die Mauern der Weinberge weiterverwendet und trutzige Türme verlassen, malerische Alphütten im Lauf der Zeit vergessen worden sind, widerspiegeln all diese Gebäude die lange, bewegte Geschichte eines Alpenvolkes – und zeugen von den diversen internationalen Einflüssen auf ihre Bauweise. Die Basilika von Valeria, die in ihren Mauern die älteste noch spielbare Orgel der Welt aus dem Jahr 1435 birgt, und Tourbillon, eines der vielen stolzen, von den Bischöfen erbauten Schlösser, thronen auf zwei benachbarten Hügeln hoch über der Stadt Sitten und geben sich schon von Weitem als markantes Wahrzeichen zu erkennen. Unzählige Kirchen und kleine, pittoreske Kapellen – übers ganze Land verstreut –sind erst in gotischer, dann in barocker Architektur erbaut worden. Ein prachtvolles Exempel von weltlicher Architektur ist das Stockalperschloss in Brig, das mit seinen drei Zwiebeltürmen – benannt nach den drei Königen, aber auch nach den Symbolen Sonne, Mond und Sterne – das Andenken an den grossen Walliser Kaufmann wahrt. Der Anblick dieser edlen oder sinnträchtigen Gebäude mit den damit verbundenen Geschichten und Erinnerungen vermag die Walliser immer wieder aufs Neue zu bezaubern.

Dynamische Grössen
Mit ihnen beginnen neue Zeiten, werden “grosse Dinge“ vollbracht, und etwas von ihrem Ruhm bleibt immer auch an ihrem Heimatkanton haften. Oder sie verewigen sich und die viel beschworene Walliser Seele in Gedichten, die inzwischen weit über die Kantonsgrenzen hinaus berühmt geworden sind. Im 16. und 17. Jahrhundert haben der Kardinal Matthäus Schiner und der Kaufmann und Bankier Kaspar Jodok von Stockalper das Wallis nachhaltig geprägt. Im Bereich Tourismus erweisen sich der aus dem Goms stammende Cäsar Ritz und die Familie Seiler aus Zermatt am Anfang des 20. Jahrhunderts als Hotelpioniere von Weltformat. Später sind Ausnahmesportler wie die Skifahrer Roland Collombin und Pirmin Zurbriggen der ganze Stolz der Walliser. Weltberühmte Künstler und Intellektuelle finden unter diesen blanken Himmeln und in der strahlenden, der Schaffenskraft ausserordentlich zuträglichen Stille ihre Inspiration. Jean-Jacques Rousseau, Carl Zuckmayer, Rainer Maria Rilke... Letzterer wünscht gar auf dem kleinen Friedhof hoch über Raron begraben zu werden, “einer der ersten Orte, an dem ich den Wind und das Licht dieses Landes empfangen habe“. Schliesslich besingen grosse einheimische Literaten wie Maurice Zermatten, Maurice Chappaz oder Corinna Bille das Land, schreiben, jeder auf seine Art, mit Leidenschaft und Engagement über ihre Liebe zur Natur und darüber, wie wichtig die Rückkehr zu den Quellen allen Seins geworden ist. Sie bilden den Reigen der Persönlichkeiten, die das Wallis massgeblich geprägt haben und umgekehrt von ihm geprägt worden sind.

Quelle