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M. Zermatten (1910-2001)

Land, in dem alles immerzu einen Gegensatz hat, das Süsse und das Bittere, das Alte und das Neue, das Zarte und das Felsige. Land der Kraft und der Weichheit, des Wassers und des Weins, des Todes und der Liebe.

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Über den Dörfern nehmen die Berge die Welt in Besitz. (…) Hier beginnt die “Masslosigkeit“ dieses Landes. Nackte, zerklüftete, chaotische Flächen gleiten ineinander über, verbinden sich wie die Gewölberippen in Kathedralen und tragen auf ihren Säulen aus Gneis das Gewicht eines unvergleichlichen Himmels. Sie sind die Pforten zur Welt und lassen jeden Morgen die Sonne aufgehen, die Abend für Abend in ihren unergründlichen Schlünden auch wieder verschwindet.

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Immer diese halsbrecherische Flucht gegen den Fluss zu, diese Bergstürze, diese Schluchten, diese Furchen, diese Pfeiler. Der Kopf dreht sich einem. Unten die Ebene, so vollkommen zu unseren Füssen, dass man sich nur vorlehnen müsste… Die blühende Ebene, die fruchtbare Ebene, glatt, fröhlich im Triumph des Frühlings.

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Auch wenn der Winter den Schnee im Tal in Massen anhäuft, glüht dieses Land von Juli an vor Hitze. Die bis zum Platzen mit Wasser gefüllten Wolken sind zu schwer, um über die Pässe steigen zu können. So haben sie sich unnützerweise über
den steinigen Höhen entladen, und der bewohnte Teil des Gebirges hat davon nichts anderes als das Echo der weit
entfernten Gewitter gehabt.

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Es ist doch eigentlich Herbst, aber was hat es mit dieser absoluten Treue der Sonne, dieser Klarheit des Lichtes auf sich? Hat sich der Sommer nicht über seine üblichen Grenzen hinaus verlängert, indem er bloss seine Spitzen abgeschwächt, sein Licht vergoldet hat? Die Weinernte ist zu Ende.

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Jede Musik berührte das reine Kristall der Himmelsbläue; wenn sie fiel, sprang sie wieder auf, traf die Berge stärker als die Felsen, verbreitete sich unermüdlich in der Ebene, die sie füllte bis zu den Rändern. (…) Vom Winter getragen, ist der Gesang einer Amsel rund um die Welt gegangen.

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Von jeher hat man sich verteidigen müssen. Tal, Durchgangsland, Korridore, Pässe; all die Abenteurer, all die Unzufriedenen, all diejenigen, die sich nach der Sonne sehnten, versuchten, diese Grenzen zu überwinden und haben sich in den Aufmärschen gegen dieses Land engagiert. Hastig hat man sich auf Platz versammeln müssen, die Waffen ergreifen, in den Hinterhalt laufen müssen…

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Auf den Schlachtfeldern Europas machten die robusten Hirten eine gute Figur. Im Dienst von Frankreich, Spanien, Holland oder auch im Dienst des Empires hielten sie ihre Liebe für das gelebte Heldenepos hoch, diese in Blut geschriebene Dichtung. (…) Aber die Frau war da, arbeitsam, aufmerksam darauf bedacht, das Feuer im bescheidenen Heim nicht ausgehen zu lassen. Während der Mann das Land mit Geschichte, mit Trophäen und manchmal auch mit Titeln bereicherte, war sie schlicht die Beständigkeit in Person, verkörperte Unsterblichkeit.

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Winter wie früher, als es zwischen der Talebene und den Bergen nur einen ganz kleinen Weg gab… Damals lebten sie ausserhalb der Welt, in einer Welt, die ihnen allein gehörte, und die winzigsten Ereignisse nahmen ungeheure Dimensionen an.

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Dass das Land trocken ist, weiss man seit Jahrhunderten. Dass es arm ist, hat man an dem Tag erkannt, an dem man die Augen aufgeschlagen hat. Was also hat sich verändert? Diejenigen, die fortgehen, sind Feiglinge! (...) Und im Übrigen hat man doch auch noch Waffen, um sich zu wehren.

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Raron, der Adler aufrecht auf dem Felsen, und das Grab des Dichters hat seinen ungestümen Blick nicht milder gemacht. Sitten war schon immer die Hauptstadt dieser unbezähmbaren Rasse, aber von hier oben sind sie heruntergekommen. Von hier, die Schiner, die Supersaxo, die Stockalper, die Riedmatten, die Kalbermatten… All diese Bischöfe, die Vertreter der Bischöfe, die Abenteurer… Auch sie, die wie der Fluss von den Bergen kamen, wurden von der Sanftheit der Landschaften weiter unten angezogen.

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In Martigny zögert man zum ersten Mal: Es ist das Zentrum des Kontinents. Folgen Sie der Dranse stromaufwärts: Hinter dem Grossen Sankt Bernhard eröffnet sich Italien. Überqueren Sie die Forclaz: Hier liegen Ihnen Savoyen, die Provence, Spanien zu Füssen. Hinter Ihnen haben sich die Türen zum Norden geschlossen – und vor Ihnen führen Sie die Schienen der Eisenbahn den Schönheiten des Ostens zu.

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Wie trefflich der Mensch hier doch die Natur zu nutzen versteht! Die Natur schenkte ihm diesen imposanten Sockel mit einem Fluss in seiner Mitte. Der Mensch hat die doppelte Symbolik von Kraft und Sanftheit damit zu vereinen gewusst.

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Der Rebberg und der Wein verleihen der Landschaft und den Menschen Geist. (…) Ob dieser Gegensatz von übermässig genutzten und wilden Talhügeln seine Entsprechung bei den Menschen findet? Sie sind so heftig und so sanft wie ihre Weine, als ob beide von der gleichen Kraft zehren und ihre Glut von der Sonne beziehen würden.

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Wir würden uns über die Sonne beklagen, wenn wir nicht wüssten, dass es für uns nichts Wichtigeres gibt als sie. Nur schon die Aprikosen, wie sie am Ende der gebogenen Äste immer schwerer werden und wie Letztere, in vollem Tageslicht in Flammen stehend, statt zu seufzen auch noch zu murmeln scheinen: mehr! Mehr, damit in uns diese Pflanzenalchimie wirken kann, die unsere Säfte in Honig, unsere Blässe in Zinnober verwandelt… Wir werden nie genug Sonne bekommen, weder wir noch die Trauben auf den Anhöhen oder die Äpfel in den Obstgärten. Nie genug von dieser guten Wärme, die uns durchdringt, die uns zusammenhält, die uns erfüllt. Sie fliesst in die Säfte des Baumes hinein, sie ist Flut, Fluss, Strom in den unterirdischen Kanälen, die die Rinden schützen. Sie steigt in die mysteriöse Welt der Wurzeln hinunter, sie saugt aus den Schatten der Erde die Nahrungsmittel heraus, die sie bis zu unserem Mund heranführt; sie ist mütterlich, sie verhätschelt uns, sie liebkost uns, wir sind ihr Kind auf ewig.

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Den ganzen Weg entlang werden wir die Holzkreuze, die weissen Kapellen, die Pfarrkirchen grüssen. Hier ist die Mutterkirche, die altehrwürdige Wiege des katholischen Wallis.

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Die Geschichte dieses Landes ist ein langes Epos, blutig, glühend, rot von vergossenem Blut, rot von gelegten Bränden, rot vom Zorn der Menschen. Es ist kein Zufall, dass es in den Wappenschildern des Landes so viel Rot gibt.

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Fliess, Suone, fliess. (…) Fliess, Wasser der einsamen Höhen! Wir warten auf dich. Die Wiesen, die Felder, die Reben, die Gärten sind ausgelaugt, bevor du den Durst ihrer Gewächse löschest, die den ganzen langen Sommer von der Hungersnot bedroht waren. Fliess, Suone, fliess; führe dein Wasser zu den nährenden Böden hin! (…) Du bist das Versprechen des Brotes, der Milch und des Weins in den Häusern der Berge.

 

Quelle: Buch "Wallis, Leib & Seele"