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Maurice Chappaz (1916-2009)

Wir nehmen sie (die Lawinen) wahr, bevor sie unsere Augen oder Ohren in der Unruhe der Berge zu erfassen vermögen. Wir hören sie in uns. Sie gehen durch uns hindurch. Unmöglich, dieses dumpfe Donnern anders als so zu erkennen. (…) Dann beruhigt es sich langsam. So, wie die Zuckungen des Schlafenden weniger werden, wenn er in langen Atemzügen in den Schlaf versinkt. Und plötzlich weitet ein Meerestosen den Graben aus. Tief aus dem Maul des Grabens: das raue, dumpfe Geräusch, es hält uns, es geht nicht mehr weg von uns, selbst wenn wir rennen.

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Was gibt es im Wallis an Unvergänglichem? Aber ja: das Licht! Jenes schöne Licht im Februar auf allen Hängen; dieses glühende Rosa gegen Abend oder dieses Weiss zwischen Seide und Flamme, das am Morgen über die Schneeflecken gleitet. Und dann ist es auch in den Menschen, es ist die einzige Zukunft, an die ich glaube, ja, es ist die Schönheit der Gegenwart (…).

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Das Wallis ist nicht geistig, es ist materiell. Es ist schwer von seinen hundert Viertausendern, von seinen Tausenden Pyramiden, eine an die andere gedrängt. Gedräng an Gedränge, von Flüssen nur zernagt; behaart mit Bäumen, mit Tannen- und Lärchennadeln, mit Kräutern, mit Moosen, mit Flechten und bedeckt von Gletschern.

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Eine tiefe Seele kommt bei den weit verstreuten Dorfgemeinschaften zum Ausdruck, verbunden durch den bitteren Absinth, die Wurzeln der Enziane, die Kristalle, den Vorstoss der Gletscher, die Einsiedeleien, die am Berg kleben wie Waben.

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Die Orgel von Valère. Die älteste Orgel der Welt Tönt dröhnt wie ein Wildbach unten im Fjord Honig, ihre Wucht!

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Supersaxo steigt in Grossaufnahme auf, mit seinem Bartgeviert, die Ellbogen auf goldene Teller gestützt, seine Spucke in Näpfe zielend, darauf der Kopf seines Gegners prangte.

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(…) der Walliser (…) ist an seine Erde gebunden wie an ein rechtes Stück vom Paradies, vertrauend auf seine Bäume, seine Stierkräfte, seine Freunde.

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Wir haben einen religiösen Kopf, die Augen von Christen und das Gebiss von Wölfen. Wir beissen auf Käse.

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Brüder, wir sind Brüder: eine Sprache, der Wein. Das alemannische Wallis trinkt und misst mit der Trommel den Takt, wenn die Kannen vorüberziehen. Das provenzalische Wallis kostet und schweigt.

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Die Menschen haben ihre Häuser auf Graszungen festgemacht, die das Gewaltige lecken. Eine Flottille von unbeweglichem Holz, wo alle hundert Jahre einmal (das Walliser Mass der Zeit) ein Dach kalfatert wird, indem die Keller, manchmal auch die Küchen zerkeilt werden (…).

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Man bringe mir eine Kiste voller Leuchter. – Wie meinst du das: Leuchter? – Das sind die Flaschen goldenen Walliser Weins. Die Begierde nach Wein steigt von den Bergen herunter, von den Schattenkegeln. Mich dünkt, es finde ein Gespräch statt, nachts, in der Gipfelkonferenz des Schnees. Sogar die Steine sagen: “Wir wollen mitmachen, uns gegenseitig besuchen, uns treffen".

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Inmitten der Felder, am Saum der Lärchenwälder erheben sich die Kapellen, zierlichen Edelsteinen gleich. Kompakt oder beinahe durchscheinend sind sie, je nach Tageslicht, und ihre Weisse erinnert an Margeriten oder an Tropfen klaren Wassers. Die Propheten haben sich hier mit den Feen vermählt, und ihre feinsinnigen Worte vermischen sich wie ein Haar aus Gold mit dem heiligen Sprechgesang.

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Sie sagen: “Wir errichten eine Mauer erster Güte, die höchste der Welt, einen Weltmeister. Sieben Jahre haben wir gebraucht, um damit an die Sonne zu kommen. Sieben Jahre, Tag und Nacht – die Sonntage dazu.“ “Unsere
 unehrerbietige Freude: die Arbeit".

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Alle Dörfer sind auf Anmut gebaut worden; Zwetschgen voller Saft, Feigen voller Milch.

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Und auf einmal habe ich die Dixence gesehen. Sie ist so verblüffend wie die Berge. (…) Ich war ganz ergriffen davon und ich sagte mir, mit meinen Blumen in der Hand: Freue dich! Geh und sieh dir dieses Werk an, die Basis und der Eckpfeiler des neuen Landes, der Stein, an dem sich die Geister scheiden. Der Bauchnabel des Wallis ist da, und der Stein beginnt seinen Roman: zerstossen, zerbröckelt, mit Hochdruck auf andere Installationen hinuntergeschleudert, bis er schliesslich zu einer grossen Betonmauer wird. Ich bin am Ende eines mit Krokussen übersäten und von Lawinen heimgesuchten Tals in den Berg hineingegangen und aus einem anderen, weit davon entfernten wieder herausgekommen.

 

Quelle: Buch "Wallis, Leib & Seele"