Thérèse Andenmatten
Das Leben oben, das Leben unten
Seit zweiunddreissig Jahren bin ich Hüttenwartin – zuerst emeinsam mit Ambros, dann allein. Ich weiss, was Einsamkeit ist: Mahlzeiten, die man zuweilen ohne rechten Appetit verzehrt, der sehnliche Wunsch nach Gesellschaft und Erinnerungen, die einen oft hinterrücks überfallen. Auf 3030 Metern Höhe sind die Reue und die Träume grösser als anderswo. Aber ich weiss auch, wie wunderbar es ist, morgens in all der Pracht zu erwachen, die mich umgibt. Die feierlichen Gletscher, die hochmütigen Tannen, die Steinböcke, die ich praktisch durchgefüttert habe und die regelmässig herkommen, um die Reste zu fressen. Das Gefühl von frischer Luft auf meiner Haut. Die Natur hier oben ist die Verlängerung meiner selbst. Mein Tagesablauf, meine Laune, meine Ernährung, meine körperliche Kondition, alles hängt von der Natur ab.
Und dennoch: Welche Farbe der Himmel auch haben mag, welches Schicksal auch immer mir beschieden sein wird, ich weiss, dass mein Platz hier oben ist. Meine Hütte, die “Britannia“, hat fünfzehn Zimmer. Wenn ein Sturm tobt und kein Mensch hier ist, höre ich sie knacken, meine Hütte. Ich bin mir sicher, dass sie leidet und dass sie genauso widersteht wie ich. Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich Kriminalromane lese oder mich um die Wartung kümmere; dennoch sind die Tage manchmal lang. Aber das können sie auch sein, wenn die Gäste aus aller Welt da sind: Deutsch-, Französisch-, Englisch- und Italienischkenntnisse sind unabdingbar, um sich überhaupt verständigen zu können. Eine Hütte ist der ideale Ort, um Menschen kennen zu lernen. Die meisten sind sympathisch und glücklich, hier zu sein. Man erzählt sich gegenseitig Geschichten, wird mit anderen Ansichten konfrontiert, und Freundschaften werden geschlossen. Aber es gibt auch Nörgler, Menschen, die niemals zufrieden sind: Mal ist nicht genug Gemüse auf dem Teller, mal sind die Preise zu hoch… Und dann sind da die Unbekümmerten, die, ohne vorher reserviert zu haben, einfach hereinschneien oder die ohne Vorankündigung gar nicht erst erscheinen, weil sie sich kurzfristig ` für eine andere Route entschieden haben.
Das Empfinden von Achtung und Respekt ist aber gerade in dieser manchmal grausamen Umgebung grundlegend. Die Gletscher haben ihre “Tabuzonen“, die sie den Menschen vorenthalten. Zu jeder Jahreszeit gibt es tödliche Unfälle. Manchmal muss ich die Sachen der Verunfallten aus dem Schlafbereich holen, um sie den Rettern zu übergeben. Camille Bournissen, der 1968 als Erster die Nordwand der Dent Blanche bestiegen hat, hat einmal zu mir gesagt, dass es für den Menschen schwer sein müsse, in einer Gegend zu leben, in der keine Bäume wachsen. Ich glaube das nicht. Es genügt, wenn man um sich zu schauen und jede Jahreszeit zu geniessen weiss. Man muss lieben können. Und manchmal auch – ein wenig – an jene denken, die “unten“ geblieben sind...
Thérèse Andenmatten Renaud, Hüttenwartin
Quelle
- Kommentar des Buches « Wallis, Leib & Seele », Kapitel « Gesichter »

